Ein romantischer Abend

Urlaubszeit! Zeit für die Familie, Zeit für Zweisamkeit. Wir haben uns für eine Auszeit im malerischen Potsdam entschieden. Das verliebte Paar zieht alle Register. ER zeigt ihr voller Stolz das Schloss Sanssouci, SIE bewundert ihn für seine gute Bildung (und lobt sich selbst für ihren guten Männergeschmack). Das Baby schläft friedlich im Kinderwagen. Seinen Höhepunkt soll der Tag bei einem romantischen Abendessen finden. Nicht irgendein Essen in irgendeiner X-beliebigen Kneipe, sondern ein Dinner bei Kerzenschein im besten Restaurant am Platze. Beziehungsweise auf dessen Freisitz, denn die laue Sommernacht gibt es gratis dazu.

Um sieben Uhr also macht sich unser Paar auf dem Weg ins „Ox-Hoft“. Zu Fuß, so hat das Kind Gelegenheit, sanft zu entschlummern. Eine Gelegenheit, die es nicht wahrnimmt. Selbst nach einer Extra-Runde rund um das Viertel des Restaurants später ist Lene hellwach und schaut sich mit babyblauen Augen neugierig um. Die weißbeschürzten Kellner haben extra einen Tisch freigeräumt, es bleibt keine Zeit mehr für weitere Spaziergänge. Also Augen zu und durch, zwei  Erwachsene und ein Kinderwagen nehmen am Tisch Platz. Am Nebentisch werden schwere Themen konversiert. Viel Kultur ist dabei und auch ein bisschen Politik. Mit einer Hand schaukelt SIE den Kinderwagen, mit der anderen hält sie die übersichtliche Speisekarte, auf der vier hocherlesene Speisen aufgelistet sind. Sie entscheidet sich für die Pouladenbrust an Lavendelpolenta und Weinschalotte. ER gibt sich patriotisch, wählt Wiener Schnitzel mit Beelitzer Spargel und teilt die Wünsche so leise wie möglich der Kellnerin mit. Das ist eigentlich unnötig, denn das Kind ist immer noch wach. Ein Windhauch schleicht über den Tisch und lässt die Servietten einen Augenblick schweben. Der Himmel verdunkelt sich. Lenes Miene verdunkelt sich auch. Denn Mama und Papa grinsen sich blöde an und beachten sie nicht. Und die alte Klapper, die könnense nun auch steckenlassen!

Inzwischen ist es halb neun. Die Kellnerin kommt und bringt die Getränke. Weist darauf hin, dass es Regen geben soll am Abend, laut Wetterbericht. Ein Blick in den Himmel wird durch noch größere dunkle Wolken gebremst und durch einen weiteren Windhauch wackeln die Servietten schon ein bisschen mehr. Die Klapper fällt auf den Boden. Unsere erwachsenen Protagonisten wissen nun nicht, was sie mehr fürchten sollen: ein plötzlich aufziehendes Unwetter über ihrem romantischen Freisitz oder die wachsende Ungnade ihres Sprösslings. Sie nimmt das Kleine aus dem Wagen und ihr schlechtes Gewissen flüstert ihr mit einem Megaphon die Gedanken der Gäste von den Nebentischen direkt in ihren Kopf: „Rabeneltern! Nehmen ihr Kind mit ins Restaurant! Schämen sollen sie sich! Um die Zeit! Das Kind gehört ins Bett! Hoffentlich plärrt das Balg nicht gleich los!“

Sie ergreift die Flucht ins Restaurant, das übrigens menschenleer ist, und versucht das Baby zu bestechen. Milch gegen Schlaf. Milch nimmt es. Schlafen will es nicht. Das Essen kommt. Kleine Portionen auf riesigen Tellern. Das Paar überlegt es sich, nachdem die Kellnerin alles schön auf weißem Tischtuch drapiert hat, anders. Und lässt nun doch drinnen auftischen. Wegen des drohenden Unwetters und der drohenden kindlichen Ungnade. Das Essen schmeckt vorzüglich, Lene lässt Gnade walten und macht nur zweimal „Möp“. Das Paar zahlt eine hohe Rechnung und verlässt das Restaurant. In dem Moment bricht der Regen los. Sie rennen, den Kinderwagen vor sich herschiebend, durch Potsdamer Straßen. Dem Kind gefällt´s! Was für ein romantischer Abend, inklusive Sommerregen!

 

PS: Kind schläft zu Hause im Reisebett erschöpft ein.

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