Der Schlaf der (Un-)Gerechten

Der kindliche Schlaf ist schon erstaunlich. Vor allem erstaunlich vielseitig. Heute beim Kinderarzt hat sich Lene nicht von den Sörens, Chantals und Jaquelines stören lassen, die die Wickelkommode, auf der ich das Kind gerade seiner Klamotten entledigen musste, als Versteck nutzten. Schranktür auf, Schranktür zu – rums! Die ganze Kommode wackelt. Lene schläft den Schlaf der Gerechten. Kleine Menschlein jeglichen Alters krabbeln, wuseln, kriechen, stampfen krakeelend durch das Wartezimmer (nebenbei erwähnt erstaunt es mich, wie viel Energie in kranken Kindern steckt). Mein Kind krakeelt nicht. Es schläft.

Lene scheint im Schlaf jedoch einen geheimen Sensor zu haben. Ich nenn ihn den Klo-Sensor. Sie kann zu Hause ebendiesen Schlaf der Gerechten schlafen. Doch sobald ich diese Ruhe nutze, um meinen doch derzeit etwas zurückgestellten menschlichen Bedürfnissen nachzugehen, erwacht sie. Wenn ich die Hosen runter und den Klodeckel hochgeklappt hab und es mir gerade auf der Brille gemütlich gemacht habe, höre ich aus dem Nebenzimmer, wo sie eben noch friedlich an Papis Schultern gekuschelt hat, schon das gefürchtete Geräusch. Zuerst ein einsilbiges „Äh“, dann ein „äh äh“ und dann ein an Husten erinnerndes „Äch äch äch“, bevor es so richtig los geht. Da hilft nur: Anhalten oder schnell durchziehen. Ich kann meine Bedürfnisse schließlich zurückschrauben, dazu bin ich Mama.

Das interessanteste Phänomen des kindlichen Schlafs zeigt sich jedoch abends, wenn Lene ins Bett soll. Sie, die kurz zuvor noch schlaftrunken an Papas oder Mamas Schulter gekuschelt hat, ist, sobald sie im Bett liegt, vor allem eines: Hellwach! Die Augen so groß, dass sie bei Wikipedia exemplarisch unter dem Stichwort „Kindchenschema“ zu finden sein könnten. Und das bleiben sie auch, selbst wenn schon beide Brüste leer getrunken sind. Aber so klein Lene ist, eines muss man ihr lassen. Sie ist clever. Macht mir Hoffnungen, den Ende des Abends doch noch mit sinnlosen Dingen wie mit Nico allein den Tag Revue passieren lassen, Wäsche aufhängen, Mails beantworten oder meine Baby-Erlebnisse niederschreiben verschwenden zu können. Denn ihre Augen fallen zu. Erst ist es nur ein kleines Zwinkern. Dann bleiben sie schon einen ganzen Moment lang geschlossen. Doch schon spielt Lene die Erschrockene und strahlt mich wieder mit an. Dieses Spiel kann man gefühlte Stunden lang spielen. Doch irgendwann ist es soweit – die Augen bleiben zu! „Endlich Freizeit! Endlich Zeit für mich, die Wäsche, den Partner, das Internet“, denke ich, schalte das Babyphon ein und schicke mich an, das Schlafzimmer zu verlassen. Doch da geschieht es: Beim Rückzug knarkst das neue, megateure Bett, in dem unser Schatz am Anfang seines Lebens noch nächtigen darf! DAS war´s! Zwei Stunden harte Arbeit sind dahin! Die Telleraugen sind selbst in der Dunkelheit und ohne Brille (hab ich im Bett vergessen) zu erkennen. Ich leg mich wieder dazu und freue mich, dass es gesund ist. Und wünsche mir sehnlichst nur eines zurück: Ihren Schlaf der Gerechten aus der Kinderarztpraxis.

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