Rock´n´Roll mit Peter

Rock´n´Roll mit Peter

„Hallo Frau Otto, so früh am Morgen schon Rock ´n´Roll?“, begrüßt mich die freundliche Männerstimme am anderen Ende der Leitung. Ich bin ausnahmsweise mal spontan-schlagfertig und antworte: „Ich hab ein kleines Kind, bei mir beginnt der Rock´n´Roll schon vor um sieben“.

Es ist Freitagmorgen um 9.45 Uhr. Das heißt, ich habe fast schon wieder Mittagspause. Vorher jedoch habe ich ein kleines aber feines Telefoninterview. Mit dem Peter. Natürlich spreche ich ihn nicht mit Peter an, sondern mit „Herr Maffay“. Und befrage ihn zu seiner neuen EXTRATOUR, mit der er in wenigen Tagen, am 6. Juni,  auch in Leipzig vorm Völkerschlachtdenkmal zugegen sein wird.

Er freue sich auf Leipzig, so wie er sich auf die gesamte Tour freue. „Wegen der Menschen. Das ist immer wieder ein Abenteuer, kein Tag ist wie der andere“, erzählt Peter. Erst im vergangenen November war Maffay mit „Tabaluga und die Zeichen der Zeit“, dem letzten Teil der Rockoper um den kleinen Drachen, für ein ganzes Wochenende in Leipzig, spielte fünf Shows vor 35000 Menschen. Damit habe er offenbar „Sandkastenstimmung“ verbreitet, nicht nur im Publikum, sondern auch bei den wechselnden musikalischen Gästen, wie Helene Fischer, Udo Lindenberg oder Laith Al-Deen. Und weil er letzteren für einen „Mördersänger“ hält, hat er ihn eingeladen, mit ihm zusammen auf Tour zu gehen. So bekommt Al-Deen, der dem geneigten Radiohörer vor allem durch „Bilder von dir“ ein Begriff ist, einen eigenen Block während des Konzert. „Sonst stehe ich Schreihals immer da vorn. Nun kann ich auch einmal zurück in die zweite Reihe treten“, erzählt mir der Peter also ganz locker am Telefon. Bevor mein Zeit-Limit vorbei ist, stelle ich ihm noch schnell eine Frage mit regionalem Bezug. Ob er denn vorhabe, auf das Völkerschlachtdenkmal zu klettern, wenn er denn schon einmal da sei. „Nun, das kommt ganz auf unseren Zeitplan an“, sagt er und fügt hinzu: „Es ist jedoch schon ein einzigartiges Erlebnis, an so einem denkwürdigen Ort zu spielen.“

Wir verabschieden uns freundlich, legen auf. Das war er also, der Peter.

Einige Tage später bekomme ich eine E-Mail mit mir unbekanntem Absender. „Brief“ steht nur in der Betreffzeile. Ich öffne den Anhang und lese:

Peder

Ich bin ernsthaft überrascht. So etwas ist mir ehrlich gesagt in meiner gesamten Zeit als Schreiberling noch nie passiert. „Vielleicht ist es nur ein PR-Gag?“, geht es mir durch den Kopf. „Oder ein vorsichtiges, indirektes Nachfragen, wann denn der Bericht endlich zu lesen sein wird?“ Wie dem auch sei – ich habe beschlossen, mich darüber zu freuen. Auch Journalisten haben mal positives Feedback verdient. Und in jedem Fall ist es eines: eine nette Geste.

PS: Den Vorbericht zur Tour mit Interview-Supplement gibt´s heute im SachsenSonntag. Nächste Woche erfahren die Leser dann sowohl hier als auch da, ob Peter am Völki ordentlich Rock ´n´Roll gemacht hat. Zwar nicht früh um sieben. Dafür aber  live und laut.

Vater werden ist nicht schwer…

…Vater sein dagegen sehr. So heißt es zumindest im Volksmund. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Auch das Vaterwerden hat so seine Tücken. Und damit meine ich jetzt nicht einmal die Geburt an sich! Da ist ja das Credo „Weggucken!!!“ gefolgt von „Bloß nicht zu persönlich nehmen, was die da die ganze Zeit brüllt, sie meint es ja gar nicht so und hat sicher so ihre Gründe dafür.“

Nein, vielmehr meine ich die Zeit davor. Da nimmt das Verhalten des zukünftigen Vatertiers manchmal schon komische Züge an.  Bei Nico wechselten sich Besorgtheit („Hast du schon deine Tasche gepackt?“  – im 6. Monat!) mit Ungeduld („Wann ist es denn endlich soweit???? Ich will, dass unser Kind jetzt kommt!“ – im 7. Monat) ab. Alles war bereits besprochen: Wen er wann darüber informieren würde, dass es jetzt losgeht und die Pullerparty demzufolge am kommenden Wochenende steigen kann. In der Theorie war alles so straff organisiert,  dass ich mir sicher war: Nico würde – nachdem er alle Eltern, zukünftigen Patentanten und Freunde des Nachtens aus dem Bett geklingelt hatte, um ihnen mitzuteilen, dass „es“ jetzt „losgeht“ – total aufgeregt und in Vorfreude auf seine Tochter ins Krankenhaus fahren und dort bemerken, dass er mich samt Kullerbauch ja zu Hause vergessen hat.

Die Realität sah dann – zugegebenermaßen – ein wenig anders aus. Nachdem er sich ja bereits seit der ersten Wehe um 5:44 Uhr daran gewöhnen konnte, dass es „gleich“ losgeht („Nach dem Frühstück fahren wir in die Klinik und bekommen endlich unser Baby“), ging es ja Mittags immer noch nicht los und nachmittags auch noch nicht. Da konnte man dann ja doch ein wenig durchatmen, sich ein Bierchen gönnen und – unterbrochen vom viertelstündlichen sanften „Maaah“ (die esoterisch angehauchte Hebamme hatte geraten, bei Wehen zu tönen, um das Kind schon einmal willkommen zu heißen) – ne Runde im Netz surfen. Selbst schlafen ging wohl zuerst noch ganz gut, bis aus dem viertelstündlichen Maaah nach Mitternacht sukzessive aller sieben Minuten ein „MAAAAAAAAAAAAH!!!“ wurde. Doch nichts mit Kopflosigkeit! Er machte sich erst einmal einen Kaffee. „Den trinke ich noch in aller Ruhe aus“, erklärte er mir, während ich schon ruhelos durch die Wohnung lief. Dann klingelte er Marlen aus dem Bett und dann fuhr er den Wagen vor. Als er dann so nachts um zwei die Treppen hochstapfte, um mich ins Auto zu hieven und ich ihn fertig angezogen an der Tür mit einem Röhren begrüßte, fiel ihm wohl ein: „Ich muss nochmal auf die Toilette.“ Und damit meinte er nicht „pullern“!

Das war der Moment, in dem ich dachte, es würde wohl doch eine Hausgeburt werden. Doch zum Glück kann sich Nico nicht nur am Telefon kurz fassen, sodass wir tatsächlich – begleitet von vielen „MAAAAAAAAHs!!!“ noch rechtzeitig im Krankenhaus ankamen. Wenn er gewusst hätte, dass sich unser Kind dann doch noch zwölf Stunden Zeit lässt, hätte er sich bestimmt doch nochmal aufs Ohr gehauen. So aber musste er dann mit durch, durch das Vater werden. Na, wenigstens hat er sich an die Credos gehalten. Oder bist du mir etwa noch böse, Schatz? 🙂

“Vier Tage frei sein” – WGT 2013

PROLOG

Es ist Dienstag. Nicht irgendein Dienstag, sondern der Dienstag nach Pfingsten. Und wie jedes Jahr macht sich an diesem Tag diese eigentümliche Melancholie in mir breit. Post-WGT-Blues nenne ich das, was man wahrscheinlich nur dann begreift, wenn man selbst schon einmal aktiver Besucher des Wave-Gotik-Treffens war. Denn genau diese Stimmung unterscheidet das WGT Jahr für Jahr von den üblichen Festivals. Da fährt man weg, sagt: “Schön war´s, nächstes Jahr wieder”, und das war´s dann.

WGT-Besuchern geht das nicht so. Sie gehen mit Wehmut und wollen am liebsten hierbleiben, hier im schwarzen Leipzig. Dabei ist das Hierbleiben eigentlich noch schwerer. Das kann ich als Leipzigerin (vor 13 Jahren zugezogen und ebensolang überzeugte, leidenschaftliche WGT-Wiederholungstäterin) bestätigen. Zumindest am Dienstag. Während die anderen, sagen wir 19500 Besucher – wenn man von offizellen 21000 Besuchern ausgeht – in ihre Autos und Züge gen Alltag steigen, muss sich der Alltag bei “uns” ganz ohne große Heimreise wieder einfinden. Nicht ganz so einfach. Vor allem nicht, wenn man – wie ich – an diesem Dienstag auch noch Medientermine wahrnehmen muss – natürlich auf dem Bahnhof.

“Das sind noch die Reste von diesem Wave-Gotik-Treffen”, erklärt mir meine Interviewpartnerin mit Kopfnicken gen einem Grüppchen Schwarzgewandeter, die mit gepackten Koffern erschöpft auf den Stufen der Osthalle sitzen und auf ihren Zug warten. Ich nicke wortlos. Erst eine viertel Stunde zuvor habe ich mich am Bahnsteig von meinen Schlafgästen Jasmin und Nina aus München verabschiedet.

“Das WGT, das ist für mich jedes Jahr vier Tage frei sein”, hat mir Jasmin gesagt, warum es ihr Herz seit 14 Jahren immer wieder zu Pfingsten nach Leipzig zieht. “Weil es grausam wäre, nicht zu fahren”, nennt Nina ihren Grund. Die beiden sind Donnerstagabend mit ihren Koffern angerückt, zum Glück hat der Mann in weiser Voraussicht das große Auto genommen, um die beiden vom Bahnhof abzuholen.

FREITAG

Für mich ist das WGT in diesem Jahr Ausnahmezustand. Das ist es eigentlich immer, aber dieses Mal auf andere Weise. “Dieses Jahr darf ich mir nicht zuviel zumuten”, habe ich gesagt. Schließlich habe ich eine zweijährige Tochter, für die die Nacht meist schon vorbei ist, wenn die Uhrzeit noch einstellig ist. Meistens fängt letztere dann mit einer Sechs oder einer Sieben an. Und dennoch muss ich so viel wie möglich mitnehmen, denn ich bin für meinen Arbeitgeber mit Pressepass unterwegs.

Der WGT-Freitag ist noch regulärer Arbeitstag, aber ich arbeite zum Glück in der richtigen Branche. So gehören heute “Presseausweis abholen” und “erste Stimmungen einfangen” zu meinen Aufgaben noch vor der Mittagspause.  Mit der Kamera stehe ich auf dem Agra-Gelände, um für die aktuelle Sonntagsausgabe der Zeitung, für die ich arbeite, bereits ein Bild einzufangen. Eigentlich hat sich dieses schon längst in meinem Kopf festgesetzt, denn was steht symbolischer für diesen beginnenden Tag als die Straßenbahn, die vor der Agra im Zehn-Minutentakt jeweils hunderte schwarze Menschen ausspuckt? Ich halte immer wieder drauf, drei oder vier Straßenbahnen lang, bis ich das optimale Bild im Kasten habe. Meine Layouterin entscheidet sich später jedoch lieber für das Foto von Nina und Dennis aus Bremen, die ich ihn ihrem Steampunk-Outfit abgelichtet habe. Sie waren gerade auf dem Weg, um Erdbeeren für das Viktorianische Picknick im Clara-Zetkin-Park zu kaufen, verrieten mir aber vorher noch, dass sie Zeltgäste sind und ebenfalls Jahr für Jahr beim WGT dabei. Und wenn ich so darüber nachdenke, so ist mir während der folgenden vier Tage kein einziger WGT-Newbie über den Weg gelaufen.

Aus Wettergründen muss ich Nachmittag auf die Anwesenheit bei besagtem Viktorianischen Picknick verzichten. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht der Typ für die verlangte angemessene Kleidung dort bin. Die dunklen Wolken drohten einfach zu sehr, um mich mit Kamera und Töchterchen auf den Weg in den Park zu machen. Stattdessen genehmigen wir uns schwarzes Eis, “Schwarze Hexe” genannt, in unserer Lieblingseisdiele um die Ecke.

So beginnt der zweite Teil dieses WGT-Freitags abends halb acht, nachdem das Kind im Bett und der Babysitter instruiert ist. Ich betrete die Agra-Halle gerade noch rechtzeitig, um “Gottes Tod” von Das Ich mitzubekommen. Leider das abschließende Lied dieser Formation, die ich bereits bei meinem ersten WGT 2001 auf der verregneten Parkbühne erleben durfte. Dennoch, dieses Mal ist es ein durchaus rührender Moment, Stefan Ackermann, der 2011 eine Hirnblutung erlitt, wieder mit seinen Bandkollegen auf einer Bühne stehen zu sehen – und wenn nur für ein Lied.

Im Anschluss betreten The 69 Eyes die Bühne – vielumjubelt. Frontmann Jirki 69 rockt, was das Zeug hält, und die Halle rockt mit. Vor allem die Damenwelt befindet sich offenbar “in 69th heaven”, wie eine Besucherin mir verrät.

Foto: Ina Otto

Jussi 69, The 69 Eyes

Foto: Ina Otto

Schon einmal was von “Abney Park” gehört? Ich nicht! Umso positiver überrascht bin ich, als die Post Apocalyptic Steampunk Band rund um Sänger Robert in abgefahrenen Kostümen und mit allerlei interessanten Instrumenten die Bühne betritt. Ich fühle mich gefangen in einem Film, eine Mischung aus “Clockwork Orange”, “Fluch der Karibik” und “In 80 Tagen um die Welt”. “Out with the new, in with the old”, dieses Zitat aus ihrem Lied “Steampunk Revolution” trifft den Nagel auf den Kopf.  Als ich die Agra nach diesem gelungenen Konzert verlasse – auf And One´s Mitternachtsspecial muss ich aus oben bereits genannten Gründen leider verzichten – hat sich endlich die dunkle Regenwolke entladen.

SONNABEND

Der Sonnabend ist Familientag. Da spricht jetzt nicht nur die “Muddi” (was das Tagesprogramm angeht), sondern auch die Schwester, was den Abend betrifft. Denn mein Bruder Hannes ist mit seiner Band “Canterra” auf der Bühne der alten Sixtina zu erleben. Zwar mit einiger Verspätung, dennoch in Hochform vor einem starken Publikum, nicht nur dank Frontfrau Korinna. Basser Tom im Nachhinein: “Das war unser bestes Konzert ever!”

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Vor der Sixtina treffe ich auf Leipziger älteren Semesters, nein – auf Markkleeberger und eigentlich Nicht-WGT-Besucher. Dass die Bewohner der Messestadt außerordentlich viel Verständnis für das WGT aufbringen, wurde in der Vergangenheit schon mehrfach in den Medien erwähnt. Fritz König aus Markkleeberg jedenfalls sagt: „Das WGT hat sich durchaus positiv entwickelt, die Abläufe sind super organisiert.“ Mit seiner Frau genießt er die besondere Atmosphäre, die in der Leipziger Innenstadt während des Treffens herrscht. „Auffällig ist, dass nicht nur junge Menschen an dem Treffen teilnehmen, sondern die Szene auch zahlreiche ältere Anhänger hat“, so König.  “Das ist eine Form der Selbstverwirklichung”, spricht er seine Vermutung aus, warum so viele WGT-Teilnehmer so aufwändige Kleider  tragen und sich wochen- oder gar monatelang Gedanken über ihr Outfit zum Treffen machen. “Früher hatte man dazu Maskenbälle oder Karneval”, sagt Fritz König verständnisvoll.

Es ist eine schöne Frühlingsnacht. Die Mitternachtsstunde hat bereits geschlagen, doch Leipzigs Innenstadt ist voller Menschen. Da ist es wieder, dieses Gefühl, das nur einmal im Jahr auftaucht. “Wie schön, dass ihr alle hier seid.”

SONNTAG

Das WGT ist weit mehr als nur Konzerte, Lesungen, Ausstellungen. Das WGT ist vor allem: Freunde treffen und neue Leute kennenlernen. Von überall auf der Welt. “Man trifft sie jedes Jahr hier wieder”, sagt auch Schlafgästin Nina über ihre WGT-Bekanntschaften. Auch ich habe bei meinem ersten Wave-Gotik-Treffen eine solche Begegnung gemacht, mit Vincent aus Amsterdam. Wir hören meist fast das ganze Jahr nichts voneinander, außer vielleicht ein paar Neujahrsgrüße. Aber ich kann den Wecker nach ihm stellen – kurz vor dem WGT, spätestens dienstags, hab ich eine Mail von ihm in meinem Postfach: “Leipzig, i´m coming” oder “The bats are flying again” ist dann da zu lesen.

Ob nun Freunde aus Nah oder aus Fern, das Brunchen zum WGT ist mittlerweile in unserem Freundeskreis Tradition. So werden auch in diesem Jahr die Highlights der ersten beiden Treffentage Revue passiert. Und man bekommt auch mal diejenigen zu Gesicht, die man aufgrund ganz anderer Programmpräferenzen das ganze bisherige Wochenende noch nicht gesehen hat. Am Nachmittag geht´s dann ins Heidnische Dorf, auch das ist schon fast eine Tradition für den Sonntagnachmittag – und das denken sich offenbar auch viele andere tausend Besucher, die den Mittelaltermarkt an diesem Tag heimsuchen. Es ist staubig, laut und dennoch ein geeigneter Treffpunkt.

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Der Kindergarten, der um uns rumwuselt, ist aufgrund der zunehmenden Familiengründungsbereitschaft in unserem Freundes- und Bekanntenkreis seit vergangenem Jahr erneut gewachsen. Und irgendwie ist das schön. “Die Szene altert mit”, hat Jasmin letztens gesagt. Wahrscheinlich werden unsere Kinder alle HipHoper oder Schlagerfans – nach dem Motto: “Bloß nicht die komische Musik hören, die Mami und Papi uns in unserer Kindheit immer vorgespielt und vorgelebt haben!”

Wobei – auch diese Szene ist ein wahrlich dehnbarer Begriff. Kosheen zum Beispiel, die ich an diesem Abend im Kohlrabizirkus sehe, hätte ich, bevor ich sie auf dem Programm erspäht habe, kaum auch nur annähernd einem dunkleren Musikgenre zugeordnet. Und Sängerin Sian Evans ist offenbar ähnlich überrascht und äußert sich während des Konzerts sehr ergriffen über die tolle Atmosphäre in der Halle. Unbestritten kann die Band aus Bristol durch diesen Auftritt wieder ein paar mehr schwarze Anhänger in ihrer Fangemeinde willkommen heißen.

“Meine Damen und Herren…” – nur ein Band kann sein Publikum auf so typische Weise begrüßen, und das seit 20 Jahren. Das Hörerkonzert der Minimalelektro-Formation „Welle:Erdball“, die jetzt die Bühne im Kohlrabizirkus entern, gehört zweifellos zu einem der Höhepunkte des Treffens. Mehr als 2000 Zuschauer und –hörer erleben Honey, Alf, Plastique und Frl. Venus zum Jubiläumskonzert in Hochform bei Klassikern wie „Deine Augen“, „23“, „Super8“ oder „Schweben, fliegen, fallen“.

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Bei letzterem fliegen in gewohnter Manier riesige weiße Luftballons durch die Halle, die die Besucher wieder zu Kinder werden lassen. Nina, Jasmin und ich schweben in die verregnete Nacht.

MONTAG

Der Montag ist irgendwie an sich schon ein trauriger Tag. “Schon wieder alles fast vorbei!”, hallt es durch das Hirn. Ein Grund mehr, alles noch einmal zu genießen. Für mich heißt das: auf ins Werk II. Hier hat sich heute alles versammelt, was Freund des gepflegten Horrorpunks oder des Psychobillys ist. Toupierte Haare, Iros, Skelett-Outfits, hier bin ich richtig. Die Franzosen der Gore´n´Roll-Band Banana Metalik sind laut und gruselig. In alter Trash-Zombiefilm-Manier sind sie täuschend-echt-furchterregend geschminkt, sodass ich tatsächlich zusammenzucke, als mir Sänger Ced666 mit seiner Kette aus abgeschnittenen Fingern um den Hals im Fotograben direkt vor die Linse springt.

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Dennoch, die Show ist eins A. Etwas rhythmischer geht es bei den Koffin Kats zu, die sich derzeit auf großer Europa-Tour befinden. Da kann man einfach nicht still stehenbleiben.

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Gern würde ich noch zu “The Other” bleiben, doch manchmal muss man auch beim WGT-Programm Prioritäten setzen. Ein gar nicht mehr so geheimer Geheimtipp bringt mich dazu, mich in mein kleines WGT-Mobil zu schwingen und zum Alten Landratsamt zu fahren. Dort stehen als letzte Band des Abends “I Like Trains” auf dem Programm. Es war eine gute Entscheidung, hierher zu kommen. Die Briten machen Musik, die gleichzeitig Beat hat, aber andererseits ins Herz geht. Es ist nicht der erste Auftritt der Band beim WGT, vor einigen Jahren galten sie wirklich noch als Geheimtipp, im vergangenen Jahr musste ihr Auftritt während des Treffens aus gesundheitlichen Gründen abgesagt werden. Nun jedoch stehen sie da oben. Das Publikum bewegt sich wie ein Weizenfeld im Takt der Musik. Schließt die Augen, träumt… Ich stelle mir vor, mit ihrer Musik im Autoradio durch die Nacht zu fahren. Einen grandioseren Abschluss hätte ich mir nicht vorstellen können.

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Ich fahre durch die Nacht nach Hause. Die Straßenbahnhaltestellen am Bahnhof sind gespenstisch leer. Auf dem Augustusplatz laufen vereinzelte schwarze Gestalten Richtung MB zur großen alljährlichen Abschlussparty. Die muss in diesem Jahr ohne mich stattfinden, ich muss am Morgen ins Büro. Im Radio läuft Gary Jules mit “Mad World”. Byebye ihr Lieben, bis zum nächsten Jahr. Es war schön mit euch.

Text & Fotos: Ina Otto

Das Baby – ein ideales Geschenk

So ein Baby ist ein wahres Geschenk. Das wissen wir ja nicht erst seit gestern. Dieser Satz ist eigentlich schon zu einer Floskel geworden. Dabei meine ich ihn nicht rein pathetisch, sondern eher pragmatisch. Um es mit den – nicht ganz ernst zu nehmenden – Worten meines liebenswürdigen Bruders und seiner Freundin zu sagen: „Ihr habt euch doch nur ein Baby angeschafft, um euch in den kommenden Jahren keine Sorgen um Weihnachtsgeschenke für die Familie machen zu müssen.“ Genau! Denn womit kann man Oma-, Opa-, Uroma- und Uropaherzen sowie die aller anderen Familienmitglieder (mein Bruder und Freundin hiermit ausgeschlossen) unter dem Weihnachtsbaum mehr in Verzückung bringen als mit niedlichen Babyfotos sowie Dingen, die aus diesen gemacht sind. Die Palette ist riesig dank moderner Drucktechnik. Es gibt kaum einen Alltagsgegenstand, von dem das süße Gesicht unseres Kindes nicht strahlen könnte. Da gibt es Tassen, Kuschelkissen, T-Shirts, Platzdeckchen-Sets, Einkaufstaschen, Decken, Kulturbeutel, Schürzen, I-Phone-Hüllen, Schmuckkästchen, Untersetzer, Liegestühle, Puzzlespiele, Sitzsäcke, Raumteiler, Kühlschrankmagneten, Geschirrtücher, Wäschesäcke, Duschvorhänge, Tischdecken… Einfach alles. Ich wette, man kann Lene sogar auf eine Klobrille drucken lassen. Auf Klopapier. Und ich stelle mir vor, wie das wäre, in einem Haus zu leben, das von oben mit unten mit dem Counterfeit unseres Babys bedruckt wäre. So süß Lene ist – ich glaube, das hätte etwas von einem Panoptikum.

Dennoch. Recht hat er irgendwie schon, mein Bruder. Zumindest in diesem Jahr sind unsere Weihnachtsgeschenke „mit Lene“. Wir schenken einen schnöden Fotokalender mit Bildern aus ihrem ersten Jahr. Und ein Buch mit Geschichten über sie und uns. Liebe Eltern, Großeltern und andere Anverwandte: Keine Angst. Im nächsten Jahr gibt´s wieder was Richtiges!

Oma, komm bald wieder

Wenn die Oma kommt, ist das ein ganz besonderes Ereignis. Ich hab mich immer gefreut, wenn meine eigene Oma zu Besuch kam und hab dem Haustürklingeln oder dem Geräusch des grünen Trabbis immer schon entgegen gefiebert. Ein bisschen was scheint unser Lenchen auch von mir zu haben, denn als neulich ihre Omi – meine Mama – zu Besuch kam, strahlte das Kind von einem Ohr zum Anderen und ließ sich, Fremdeln hin oder her, auch ohne Probleme von ihr bespaßen.

Doch nicht nur das. Beim Thema Schlafen zeigte sich unsere Lene nicht nur artig, sondern wie ein wahres Deckchen. Hatte sie am vorherigen Tag zum Mittagsschlaf ein riesen Böckchen bekommen (jaaa, wir befinden uns bereits in der Phase, in der das Kind seine Grenzen austestet), so machte sie beim Mittagsschlaf in Gesellschaft der Oma nach kurzen Kletterversuchen über selbige bereitwillig die Augen zu und schnorchelte zufrieden vor sich hin.

Getoppt wurde dieses erstaunliche Erlebnis aber noch von dem in der darauffolgenden Nacht. Da unsere Wohnzimmercouch nicht besonders rücken- und somit auch nicht „Oma“-freundlich ist und Nico außerdem nach seinem Spätdienst noch mehrere Stunden zum Herunterfahren braucht, quartierten wir den Mann kurzerhand aus dem Schlafzimmer aus und die Oma dort ein (wer jetzt sagt, das sei herzlos, dem sei verraten, dass diese Idee von der Person mit dem Y-Chromosom stammte).  Wir wiesen jedoch die Oma darauf hin, dass es eine kurze Nacht mit sehr sehr wenig Schlaf werden würde. Immerhin haben wir in den neun vorangegangenen Monaten ausreichend Erfahrung für den Beleg dieser Behauptung sammeln können.

Doch es kam alles ganz anders. Wenn uns in dieser Nacht etwas geärgert hat, dann war es keinesfalls das Lenchen sondern böser böser Husten von der Mama! Während der Schlaf in  der Nacht zuvor noch von zahlreichen Unterbrechungen – AUCH krankheitsbedingt – und einem Ende der Nacht um fünf Uhr früh gekennzeichnet war, zeigte sich Lene in dieser Nacht gnädig und schlief von null Uhr bis 6 Uhr durch, verlangte dann eine kleine Mahlzeit und schlief weiter bis 7.45 Uhr. Als sie uns um 7.45 Uhr freudestrahlend weckte, strahlte ich zurück! So lange hatte ich, seitdem sie mich morgens immer anstrahlt, noch schlafen dürfen! Meine Euphorie kannte kaum Grenzen!

Das einzige, was ich dazu zu sagen habe ist: Komm bitte bald wieder, liebe Oma! Du bist – und das ist ausnahmsweise mal ein Kompliment – ein tolles Schlafmittel!

Der Mann, der nach der Mona kam

Wie schnell die Zeit im Elternjahr vergeht, habe ich erst kürzlich schmerzlich feststellen müssen. Meine Freundin Mona*, deren kleiner Sohn Liam einen Monat jünger ist als Lene, hat nach einem halben Jahr ihre Arbeit als Vollzeitmama bereits wieder gegen ihre richtige Arbeit eingetauscht. Die andere Hälfte des Jahres wird ihr Verlobter Leo sich um Liam kümmern. Obwohl ich Leo sehr mag – er ist ein langjähriger Freund von mir – war ich zunächst etwas geknickt. Ein halbes Jahr lang war ich schließlich mit Mona in regelmäßigen Abständen spazieren gegangen. Dabei hatten wir uns über die vielen typischen frisch gebackenen Mamaprobleme ausgetauscht. Wir hatten über Windelgrößen gefachsimpelt, uns gegenseitig die besten Tricks zur Beikosteinfrostung verraten, uns unser Leid über Geber ungebetener Ratschläge geklagt, uns gemeinsam über das erste Zähnchen unserer Kinder gefreut und uns gegenseitig Mut gemacht, wenn die Entwicklungsschübe der Kleinen uns mal wieder nicht haben schlafen lassen. Und nun sollte das alles vorbei sein? „Du kannst doch auch mal mit Leo und Liam spazieren gehen“, hatte mich Mona zum Schluss zu trösten versucht. Aber ein Mann hat doch mit Sicherheit keine Lust, mit mir über Babykotze zu plauschen. Erst recht keiner, mit dem ich früher auf Festivals gefahren bin, den ich habe bei der Rocky Horror-Show-Party im Korsett und auf Highheels über den Laufsteg stolpern sehen und der in jeder Lebenslage das passende Manowar-Zitat parat hatte. Dennoch lasse ich mich schon kurz darauf auf das Experiment ein.

Lene ist noch skeptischer als ich. Sie lässt sich auch nicht von der babyspracheverstehenden Fassade des Onkels, der da in ihren Kinderwagen hineinlugt, täuschen. Da kann er noch so komische Grimassen ziehen und behaupten, der Liam würde darüber lachen! Sie fängt an zu heulen.

Wir versuchen es mit Alltagsgesprächen. „Ich habe gerade einen riesigen Topf Apfel-Bananen-Birnenbrei gekocht“, erzählt Leo. Und dann sind wir auch schon mittendrin im Austausch von Rezepten. Erbsen, Brokkoli oder eine Kombination aus Möhren und Gurke – im Prinzip, so die Quintessenz unseres Gesprächs, könne man ja alles, was sich Gemüse schimpft, durch den Pürierer jagen.

Während wir Lene und Liam durch den Park schieben, kommen wir von einem Thema ins nächste. Gebrüll beim Einschlafen, extralange Plastiklöffel, die auch in die Tiefen jedes noch so großen Breiglases vordringen und die Tatsache, dass Liam am Tag gut ein dreiviertel Kilo Essen wegmampft lassen mich zu dem Schluss kommen: So anders als mit Mona ist es ja eigentlich gar nicht. Mit Mittagsschlafzeiten, Windelinhalt und Babygequängel kennt er sich genauso gut aus. Als wir uns verabschieden, grinst Lene Leo an. Und wir alle wissen, was sie uns sagen will. Nämlich: „Mama, der Typ da ist akzeptiert!”

 

*Namen von der Redaktion geändert

NuckinirWahna

Ein Accessoire darf in kaum einem Baby-Haushalt fehlen: Der Nucki. Auch Boppi, Schnuller, Nupsi oder im Verkaufsdeutsch „Beruhigungssauger“ genannt.

Mit Nuckis ist das so wie mit Haargummis. Wenn man sie nicht braucht, liegen sie überall in der Wohnung herum und wenn Schreihals danach verlangt, um sein Saugbedürfnis zu befriedigen, ist natürlich keiner zur Hand. Und auch keiner aufzufinden. Wenn Baby zumeist im Schlaf darauf zurückgreifen möchte, empfiehlt es sich, bereits beim Kauf die Nucki-Farbe auf die Farbe des Bettlakens im Kinderbett abzustimmen. So ist er im Dunkeln und wenn es wirklich brenzlig wird, weil schlaftrunkenes Genörgel sonst in wenigen Sekunden zu einem ausgewachsenen Gebrüll umschlägt, leichter zu finden.

Manchmal jedoch sind die Nuckis, die man auf Vorrat gekauft und bereits sorgfältig abgekocht hat, wie vom Erdboden verschluckt. Es sollte einen Nucki-Finder geben. Anfang der 90er-Jahre gab es kleine Schlüsselanhänger, die Alarm gaben, wenn man gepfiffen hat, um den verschollenen Schlüssel wieder zu finden. Wenn so etwas in jedem Nucki integriert wäre, dann wäre mir manchmal sehr geholfen. Wie soll man denn sonst auf die Idee kommen, dass der Sauger für „später“ vom Kind selbst im Ablagefach der Autotür deponiert wurde oder unter der Krabbeldecke, in Papas Hausschuh oder im Trinknapf der Katze? Als ich letztens wieder mal auf der verzweifelten Suche nach einem Nucki war, schob ich in meiner Not das Kinderbett samt heulender Lene beiseite – und was fand ich da? Das Nuckinirwana! Dort tummelten sich die Beruhigungssauger der Größe 1 und 2, aus Latex und aus Silikon, mit Tigerenten-Muster, kleinen Nilpferden, Prinzessinnen, Mickimäusen und Sternchen darauf. Hätte ich doch nur mal im Schlafzimmer gepfiffen, so hätte ich ein wahres Piepkonzert als Antwort erhalten – wenn die Nucki-Technologie bereits soweit gewesen wäre.